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Wie die neoliberale Ideologie zum Mainstream wurde

Im Schatten des Kalten Krieges pflanzt eine kleine Gruppe von Vordenkern ihre Idee einer neuen Wirtschaftsordnung in die Köpfe der Mächtigen. Das macht den Weg frei für die neoliberale Wende.

9. Juli 2020  11 Minuten

Dieser Artikel ist Teil 2 der Reihe zur Geschichte des Neoliberalismus. Falls du den ersten Teil noch nicht gelesen hast, findest du ihn hier. Klick!

In den 50er- und 60er-Jahren sind die ersten Gehversuche der Mont-Pèlerin-Gesellschaft (MPG) zur Schaffung eines neuen Liberalismus nicht mehr als eine Randnotiz – wenn überhaupt.

Denn während große Teile Europas und Asiens noch in Trümmern liegen und der verheerende Weltkrieg noch eine lebendige, grauenvolle Erinnerung ist, sehen sich die Menschen dieser Zeit schon mit einer neuen, unvorstellbaren Bedrohung konfrontiert: der atomaren Auslöschung allen Lebens.

Fünfter Akt: Kalter Krieg, leere Kassen, reiche Gönner

Der Frieden nach der totalen Niederlage der Faschist:innen dauert kaum 5 Jahre an, als sich Die von den öffentlich-rechtlichen produzierte Dokumentation »Der vergessene Krieg« ist hier zu sehen die neuen Supermächte im Koreakrieg einen ersten militärischen Stellvertreterkrieg liefern: Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten unterstützen Südkorea, die Sowjetunion und vor allem die Volksrepublik China den Norden. Millionen Menschen werden ermordet. Schlimmer noch: Über dem Konflikt schwebt erstmals die Gefahr eines Atomkrieges, ohne die sich das Zeitgeschehen der folgenden Jahrzehnte nicht richtig begreifen lässt.

Die Pilzwolke nach dem Test der ersten Wasserstoffbombe erreichte eine Höhe von 17 Kilometern. (1952) – Quelle: Wikimedia Commons

1951 verlangt der US-General Douglas MacArthur angesichts einer massiven Offensive chinesischer und nordkoreanischer Streitkräfte, Washington Post »How the Korean War put presidents in charge of nuclear weapons« (englisch, 2018) 34 Atombomen auf chinesische Flugfelder abwerfen zu lassen. Die US-Regierung lehnt ab. Doch die Gefahr bleibt: 1952 zünden die Vereinigten Staaten die erste Wasserstoffbombe. Der bei dem Test auf den pazifischen Marschallinseln freigesetzte Feuerball erreicht einen Umfang von 5 Kilometern. Die Wasserstoffbombe lässt die auf Hiroshima abgeworfene Atombombe, die bereits in der Lage war, eine Großstadt zu verwüsten, wie einen Zwerg wirken – der Durchmesser ihres Feuerballs betrug im Vergleich dazu nur 160 Meter. Nur ein Jahr später zündet auch die Sowjetunion ihre erste Wasserstoffbombe.

Unter dem Eindruck der Entwicklungen des Kalten Krieges sehen sich die Mitglieder der MPG auf der »richtigen« Seite der Geschichte. Auch wenn in dieser Anfangszeit noch Uneinigkeit darüber besteht, wie genau dieser neue »Neoliberalismus« denn nun aussehen soll, eint die Mitglieder ihre Angst vor den Kommunist:innen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs.

Einige von ihnen interpretieren den Kalten Krieg gegen »die Anderen« als eine Art Kulturkampf, der an längst vergangene Zeiten erinnert. Bei einer Vortragsreihe der MPG am Schweizerischen Institut für Auslandsforschung Das Institut ist bis heute tätig. Die Website ist hier abrufbar (SIAF) im Jahr 1955 lässt Albert Hunold, Nachzulesen in seinem Buch »Die freie Welt im kalten Krieg« (1955) – zitiert nach Bernhard Walpen Gründungsmitglied und späterer Generalsekretär der Gesellschaft, tief blicken: Zumindest er »verfolgt den Zweck, die geistigen Grundlagen dieses ›neuen Islam‹ [er spricht vom Kommunismus – Anm. d. Autors] zu erforschen, jener Bewegung, die nicht nur durch brutale militärische Kraftentfaltung, sondern mittels eines feingesponnenen und geschickt getarnten Netzes von Beeinflussungen unsere abendländische Zivilisation bedroht.«

Doch bevor die MPG-Mitglieder sich dem Kommunismus mit ihrer eigenen Interpretation von Freiheit auf geistiger Ebene entgegenstellen können, haben sie zunächst sehr handfeste Probleme zu lösen – es fehlt nämlich an Geld. Schon die Reisekosten der Mitglieder zu den alle 2 Jahre stattfindenden Treffen stellen die Gesellschaft vor große Probleme. Die inhaltliche Arbeit wird in dieser Zeit in erster Linie von Idealismus und dem ehrenamtlichen Engagement getragen.

So kommen zunehmend reiche Förderer wie Anthony Fisher, der mit seinem Geld die Gründung des ersten neoliberalen Thinktanks ermöglicht hatte, zu Einfluss. Hier gelangst du noch mal zu Teil 1, wenn du ihn oben noch nicht ausgeklappt hast (Vierter Akt) Sie helfen der MPG durch die mageren und uneinigen Zeiten, in denen Hayek mindestens einmal kurz davor ist, das Handtuch zu werfen. Anfang 1956 schreibt er: »Wenn in einem Jahr die Aussichten nicht besser sind, würde ich die Geschichte lieber formell zu Ende bringen, solange es noch eine respektable Affaire ist, Zitiert in »Wandlungen des Neoliberalismus: Eine Studie zu Entwicklung und Ausstrahlung der Mont-Pèlerin-Society« (2008) als die Gesellschaft langsam verfallen zu sehen.«

Ludwig Erhard (CDU) in seiner Zeit als Wirtschaftsminister (1963) – Quelle: Bundesarchiv

Neben Fisher kann Hayek auch stets auf den Geldbeutel eines US-Amerikaners namens Harold Luhnow zählen. 1871 war Luhnows Onkel William Volker mit seiner Familie von Hannover nach Chicago ausgewandert, wo er mit dem Verkauf von Bilderrahmen ein erhebliches Vermögen angehäuft hatte – um das ganze Geld dann in eine Stiftung zur Unterstützung der Armen, Kranken und Alten zu stecken. Nach Volkers Tod 1947 übernahm Luhnow das Ruder und änderte den Kurs. Er hat »The Road to Serfdom« gelesen und investierte das Geld seines Onkels fortan in die Förderung des Autoren Hayek sowie seiner Mitstreiter:innen Kim Phillips-Fein – »Invisible Hands: The Businessmen’s Crusade Against the New Deal« (englisch, 2010) und hält sie so über Wasser.

Ab dem Jahr 1960 geht es langsam aufwärts: Die MPG trifft sich zu ihrer 2-jährlichen Tagung in Kassel. Finanzierungsprobleme gibt es diesmal nicht: Über einige Kontakte und bürokratische Umwege stellt das Bundeswirtschaftsministerium unter Führung von MPG-Mitglied Ludwig Erhard 55.000 Deutsche Mark Heute sind das umgerechnet ca. 125.000 Euro. für die Gesellschaft bereit.

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Chris Vielhaus 

Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!

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