PD Daily 

Warum in Norwegen das Modell »Steuerporno« so gut funktioniert

Hier kann jede:r einsehen, wie viel Geld die anderen haben. Und das hat einige Vorteile.

7. Juli 2020  5 Minuten

Wem zeigst du deinen Steuerbescheid? Wem erzählst du, was du verdienst oder wie viel Erspartes auf deinem Konto liegt? Würdest du in Norwegen leben, wären alle diese Daten öffentlich. Gezahlte Steuern, Einkommen und Vermögen sind in Norwegen öffentliche Angaben, die im Netz zu finden sind, wenn auch nicht für jeden. Wer in Norwegen gemeldet ist und eine elektronische ID besitzt, kann sich auf der Website der Steuerbehörde Skatteetaten einloggen und Information über die Listen auf der Website der norwegischen Steuerbehörde (englisch) nach den Angaben von Unternehmen und Mitbürger:innen suchen. Also auch von: Nachbar:innen, Vorgesetzten und Freund:innen.

Das wichtigste Motiv hinter diesem System sei Transparenz, erklärt Hans Christian Holte, Direktor von Skatteetaten.

Hans Christian Holte ist Direktor der norwegischen Steuerbehörde. Er ist überzeugt, dass Transparenz bei den Steuern der öffentlichen Debatte guttut. – Quelle: wikicommons

Die Steuerlisten tragen zu einer Offenheit im Steuersystem bei. Sie schaffen Vertrauen. Man weiß, wie das System funktioniert, und die Geheimnistuerei rund um Finanzen verschwindet. Außerdem sorgen sie für eine gute gesellschaftliche Debatte über Wirtschaft und Finanzen. – Hans Christian Holte, Direktor der norwegischen Steuerbehörde

Um diese Debatte zu unterstützen, haben Medien in Norwegen einen besonderen Zugang zu den Steuerlisten. Während Privatpersonen nur nach den Angaben Einzelner suchen können, bekommen Medien eine elektronische Komplettversion der Listen zur Verfügung gestellt, mit der sie zum Beispiel auch statistische Auswertungen machen können. Die dürfen sie nicht in ihrer Gesamtheit veröffentlichen, aber als Grundlage für die Berichterstattung nutzen. Dabei kommt manchmal Ein Bericht über Lohnunterschiede von Männern und Frauen des öffentlich-rechtlichen Senders NRK (norwegisch, 2015) Seriöses heraus; manchmal aber auch Klatsch und Ein Bericht von NRK über Norwegens reichste Bloggerin (norwegisch) Tratsch.

Am allerreichsten ist Sofie Steen Isachsen. […] Die 23-Jährige hat sich über mehrere Jahre unter Norwegens größten Blogger:innen an die Spitze geschlagen. Sie ist auch erfolgreich als Autorin, Influencerin in sozialen Medien und zuletzt als frisch ausgeschiedene ›Let’s Dance‹-Teilnehmerin. Im vergangenen Jahr ergab das ein Einkommen von mehr als 2,5 Millionen Kronen Rund 230.000 Euro. […] Das Vermögen ist den ›skattelistene‹ zufolge auf 7,5 Millionen Kronen Rund 700.000 Euro. gewachsen. – Beitrag des norwegischen Senders NRK über Norwegens reichste Blogger:innen

Holte hält die umfangreicheren Medienlisten dennoch für wichtig: »Zum Beispiel werden Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sichtbar. Oder man sieht, welche Menschen im Land die reichsten sind.«

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Henrike Wiemker 

Henrike Wiemker hätte gut und gerne ewig weiter studieren können, beschloss dann aber doch, ihre Neugier lieber als Wissenschaftsjournalistin zu stillen. Meist geht es bei ihr um Umwelt, manchmal um Technik und immer wieder auch um anderes. Henrike Wiemker lebt in Uppsala und ist in schwedischen und deutschen Medien zu lesen und zu hören.

Themen:  Europa   Gesellschaft   Geld  

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