Zurück zum Artikel

Links zum Artikel

LSD – die Medizin der Zukunft? Ein Trip durchs Gehirn

Psychedelische Drogen stellen das Gehirn auf den Kopf und setzen verborgene Gedanken und Gefühle frei. Das könnte die Psychotherapie revolutionieren – aber dafür müssen die Drogen erst ihren schlechten Ruf loswerden.

25. Mai 2020  13 Minuten

Do you want to read this article in English? Click here!

Die Basler Morgensonne scheint durch das Fenster des Krankenhauszimmers. Anuschka Roshani ist nervös. Mutig sei sie, haben ihr Freunde und Familie gesagt, dass sie mit ihren 52 Jahren und guter Gesundheit an diesem Experiment teilnehme. Die Studienleiterin reicht ihr eine Ampulle mit einer transparenten Flüssigkeit. Keine der beiden weiß, ob die Ampulle ein Placebo enthält – oder reines, in Alkohol gelöstes LSD. Beides ist möglich. In den nächsten Stunden wird Roshani auf dem Krankenhausbett liegen und mit Musik auf den Ohren eine Reise durch ihr eigenes Universum unternehmen. Für die Wissenschaft. Sie schließt die Augen und atmet tief durch, während die Substanz sich auf den Weg durch ihr Gehirn macht.

Anuschka Roshani ist Buchautorin und Redakteurin der Schweizer Zeitschrift »Das Magazin«. – Quelle: Anuschka Roshani copyright

Roshani nimmt teil an einer Studie des Pharmakologen Matthias Liechti. Damit ist sie eine der ersten Probandinnen in wissenschaftlichen Experimenten mit LSD seit langer Zeit. Hier findest du Anuschka Roshanis Erfahrungsbericht im schweizerischen »Das Magazin« (2019, Paywall) Ihre Erfahrungen hat sie für die Schweizer Zeitschrift Das Magazin aufgeschrieben, bei der sie als Redakteurin arbeitet.

Schon in den 50er-Jahren erkannten Forscher das enorme Potenzial psychedelischer Drogen für Menschen mit psychischen Problemen. Die Forschung an der synthetischen Droge LSD und an Psilocybin, dem Wirkstoff psychoaktiver Pilze, florierte damals und die psychedelische Medizin schien zum Greifen nah. Wenig später jedoch, »Perspective Daily« hat sich auch einmal in einer Drogenreihe mit dem Konsum auseinandergesetzt. David Ehl fragt hier unter anderem bei Musiker Olli Schulz nach, ob Popkultur zum Drogenkonsum verführt als Antwort auf den ausschweifenden Drogenkonsum der Hippie-Bewegung, rief der damalige US-Präsident Richard Nixon den »War on Drugs« aus. Im Zuge dessen wurden psychedelische Substanzen auf der ganzen Welt verboten Nach dem Verbot in den USA folgte die UN (englisch, PDF) und damit quasi der Rest der Welt klaglos. Seitdem gelten die Drogen als nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel, also als gefährliche Substanzen ohne medizinischen Nutzen. Das Magazin »Slate« über den »War on Drugs« und die Geschichte von Psychedelika in der westlichen Welt (englisch, 2017) und die Forschung daran kam für Jahrzehnte zum Erliegen.

Nun aber bewegt sich etwas. In den vergangenen Jahren haben einige Länder die Regulierungen gelockert. Neben den USA und Großbritannien ist die Schweiz heute einer der führenden Standorte für die Erforschung von Psychedelika. Kein Wunder: Es war in der Schweiz, wo Albert Hoffman im Jahr 1938 erstmalig LSD herstellte und mit dem ersten LSD-Trip aller Zeiten in die Geschichte einging. Es häufen sich Indizien, dass psychedelische Drogen Menschen mit Depression, Todesängsten, Alkoholsucht, Traumata und Zwangsstörungen helfen können. Was stellen die vermeintlichen Wundermittel im Gehirn an, dass sie bei solch unterschiedlichen Leiden Linderung verschaffen sollen? Kommt sie nun doch, die psychedelische Medizin?

Die Renaissance der Psychedelika

Während Anuschka Roshani gespannt darauf wartet, dass der Effekt des LSD einsetzt, sitzt im 80 Kilometer entfernten Zürich Katrin Preller über einem Satz Gehirndaten. Die 35-jährige Psychologin will entschlüsseln, wie Psychedelika auf das Gehirn wirken. Die Stigmata, die die Drogen umgeben, machen es ihr oft schwer, Geldgeber für ihre Forschung zu finden. »Umso wichtiger ist es, dass wir methodisch sauber arbeiten und nicht ins Esoterische abgleiten.« Jeder ihrer Studien geht ein bürokratischer Marathon voraus. Für jede Studie braucht Prellers Forschungsgruppe die Einwilligung der Universität Zürich, der Schweizer Arzneimittelbehöre und des Bundesamts für Gesundheit. »Wir können immer zeigen, dass das, was wir machen, nicht zum Schaden unserer Probanden ist«, betont Preller. Das Suchtpotenzial von LSD und Psilocybin sei gering und in der richtigen Dosis verursachten sie keinen körperlichen Schaden. Es bestehe auch kaum eine Gefahr, auf einem Trip »hängen zu bleiben«, solange die Studie medizinisch kontrolliert abläuft. Auf einem Trip »hängen zu bleiben« meint, dass der psychologische Effekt der Droge bleibt, lange nachdem die Substanz nicht mehr im Körper nachweisbar ist. Um das zu verhindern, gehört zu jeder Studie eine intensive Vor- und Nachbereitung der Erfahrung und ein psychologisches Screening: In wessen Familie Schizophrenie bekannt ist oder wer einen Hang zu Wahnvorstellungen hat, darf nicht an den Studien teilnehmen.

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Iris Proff 

Iris Proff hat einen Hintergrund in Kognitionswissenschaft und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Amsterdam.

Themen:  Psychologie   Gesundheit  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich