Kommentar 

Diesen Ort hätte es niemals geben dürfen

Für die Geflüchteten auf Lesbos gibt es kein Vor und kein Zurück. Unsere Autorin lebt auf der Insel und hat eindrücklich aufgeschrieben, wie ein Leben ohne Grundrechte aussieht.

15. Mai 2020  4 Minuten

Es ist doch alles geschrieben, schon so oft. Da sitzen 20.000 Menschen, so viele, wie der Ort Traunstein in Bayern Einwohner zählt, auf einer Insel mitten in Europa fest und können weder vor noch zurück. Lesbos ist mit dem Camp von Moria so zum Sinnbild einer Krise geworden, die auch auf anderen Ägäischen Inseln Ableger findet. Frauen bringen hier ihre Kinder auf nassen Zeltböden zur Welt, Menschen schlafen ungeschützt unter freiem Himmel, humanitäre Helferinnen arbeiten bis zum Burn-out.

Jedes Mal, wenn ich die Straße zum Camp hinauffahre, habe ich das Gefühl, die Farbe entweiche der Landschaft, als würde einem Bild die Sättigung entzogen. Die Olivenhaine dünnen immer weiter aus. Manche Bäume sind bis zum Stumpf nach unten abgeschlagen. Überall bilden sich Rinnsale. Ob Matsch oder kleine Abwasserflüsschen, der Inhalt eines umgefallenen Dixi-Klos.

Keiner scheint hier zu laufen, ohne etwas zu tragen. Feuerholz. Eine Axt. Wasserflaschen. Mülltüten. Eine Bettdecke auf dem Kopf – eine unter dem Arm. Manche tragen auch die eigene Mutter auf dem Rücken, die nicht mehr allein zur Essensausgabe laufen kann. Das Camp ist ständig in Bewegung. Wer sich hier zurücklehnt, hat kein Wasser, keine Medikamente, keine Holzpalette zum Schlafen, kein Essen. Immer wieder kommt es wegen der wenigen Steckdosen im Camp oder bei der engen Essensausgabe zu Schlägereien. Manche davon enden mit einem Messer im Rücken. Oft liegen die Verletzten tagelang im Zelt. Zugang zu medizinischer Versorgung gibt es kaum mehr. Schon gar nicht, seitdem das Camp im Zuge der neuen Pandemiebeschränkungen abgeriegelt wurde.

Titelbild: Jamiri - CC BY

von Franziska Grillmeier 

Franziska Grillmeier lebt seit Sommer 2018 auf der griechischen Insel Lesbos und berichtet über die überfüllten Flüchtlingslager in der Ägäis. Vom Medium Magazin wurde sie für ihre Reportagen unter die »Top 30 bis 30«-Nachwuchsjournalisten in Deutschland gewählt. Sie hat »Politics of Conflict, Rights and Justice« an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London studiert und ist Absolventin der »Zeitenspiegel Reportageschule«.

Themen:  Flucht   EU-Politik  

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