Was Obdachlosen wirklich hilft? Eine Wohnung!

Finnland zeigt, warum die naheliegendste Lösung am besten funktioniert. Auch in Deutschland gibt es schon Modellprojekte.

15. Juni 2020  10 Minuten

Der Winter ist für Obdachlose keine besinnliche Jahreszeit. Wenn die Temperaturen unter 0 Grad fallen, bezahlen sie die Kälte schlimmstenfalls mit dem Leben. Für Menschen, die »Platte machen«, »Platte machen« ist Obdachlosenjargon und bedeutet »auf der Straße übernachten«. ist diese Zeit noch gefährlicher als das Leben auf der Straße ohnehin schon: Diese traurige Meldung stammt von der »Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe« (2019) Allein im Winter 2018/2019 starben in Deutschland 12 Obdachlose den Kältetod.

Dabei herrscht in Deutschland ein verhältnismäßig mildes Klima. Weiter nördlich, wo im Winter noch verlässlich Schnee fällt und Flüsse gefrieren, müsste es für Wohnungslose noch gefährlicher sein. Doch tatsächlich zeichnet sich in Finnland – wo das Thermometer teilweise auf −25 Grad Celsius sinkt – ein anderes Bild: Wer in Helsinki, Turku oder den anderen Städten der Republik im Freien übernachtet, ist genauso sicher wie zu anderen Jahreszeiten. Hier gelangst du zur Studie (englisch, 2017, PDF) Das zeigt eine Langzeitstudie.

Was aber macht das Land im Nordosten Europas besser als der Rest des Kontinents?

Finnische Wohnpolitik: so simpel wie radikal

Rückblick: Dezember 1985. Finnland leidet unter akuter Wohnungsnot. Nicht nur für Familien ist es schwierig, eine vernünftige Bleibe zu finden. Auch kleine Appartements sind heißbegehrt – und deshalb Mangelware. Der Druck auf dem Immobilienmarkt hat weitreichende Folgen: 25.000 Menschen haben keinen festen Wohnsitz in dem Land, das zu diesem Zeitpunkt noch keine 5 Millionen Einwohner zählt.

Es braucht eine Lösung. Und der Arzt Ilkka Taipale und Heikki S. von Hertzen, stellvertretender Leiter der Stadtverwaltung von Helsinki, meinen, sie gefunden zu haben: Sie gründen die Y-Stiftung, Das Y steht für die finnischen Adjektive »yksin« (individuell) und »yhdessä« (gemeinsam). Der Buchstabe symbolisiert die Überzeugung der »Y-Stiftung«, dass individuelle Wohnungsnot nur gemeinsam behoben werden kann. Schaue dir hier die Website der »Y-Stiftung« an die sich die Wohnungslosenhilfe zur Aufgabe macht. Die Unterstützung soll so unkompliziert wie möglich funktionieren. Das bedeutet konkret: Es müssen Wohnungen her. 1991 hat die Y-Stiftung dank öffentlicher Förderung Die »Y-Stiftung« bezieht nicht nur Einnahmen aus privaten Spenden, sondern auch aus öffentlichen Zuschüssen. Diese stammen vor allem aus dem staatlichen Glücksspielmonopol in Finnland. Des Weiteren kooperiert die »Y-Stiftung« eng mit der finnischen Regierung und den jeweiligen Stadtverwaltungen. bereits 1.470 Wohnungen erworben, die sie zu günstigen Konditionen an Wohnungslose weitervermietet.

Heute gehört die Philosophie der Y-Stiftung zur Strategie der finnischen Regierung im Kampf gegen die Wohnungslosigkeit. Die Ergebnisse sprechen für sich: Im Jahr 2017 zählt Finnland nur noch 6.700 Obdachlose. Es haben seit Gründung der Y-Stiftung also etwa 18.000 Menschen ein Dach über dem Kopf bekommen. Während im Rest Europas die Wohnungslosigkeit ungebremst zunimmt, ist Finnland heute das einzige Land, Zu diesem Fazit kommt ein Bericht der europaweiten Wohnungslosen-NGO FEANTSA (englisch, 2017, PDF) das Obdachlose erfolgreich von der Straße holt.

Dabei ist die Strategie der Y-Stiftung so einfach wie erfolgreich.

Titelbild: Daniel van den Berg - CC0

Themen:  Urbanes Leben   Gesellschaft  

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