Reportage 

Tausende Einwohner und ein historisches Zentrum: Wie eine europäische Stadt umzieht

Die Polar-Stadt Kiruna in Schweden wird um 4 Kilometer verlegt – inklusive vieler Gebäude. Es ist eines der größten Umzugsprojekte der Welt. Der Grund ist eine Eisenerzmine. Wie siedelt man Tausende Leben um?

5. März 2020  13 Minuten

Karin Vasara steht in ihrem Modeladen im Stadtzentrum von Kiruna. Für das, was bald auf sie und den ganzen Ort hier zukommt, fühlt sie sich zu alt. »Wenn das Stadtzentrum abgerissen wird, geht meine ganze Welt unter«, sagt die 73-jährige zierliche Modedesignerin. Die Samin Die Samen sind die Ureinwohner im nördlichen Skandinavien. »Sami« kommt von »samni«. Dieses Wort bezeichnet das traditionell vom Volk der Samen bewohnte Gebiet und ihre ethnische Gruppe. geht durch ihr Atelier in der Innenstadt von Kiruna, Kiruna liegt in Nordschweden und ist Teil der gleichnamigen Gemeinde in der historischen Provinz Lappland. Die Stadt hat rund 18.000 Einwohner und ist 16,53 Quadratkilometer groß. Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner (26,5%) gehören zu der Altersgruppe von 45–64 Jahren. Die Gemeinde Kiruna besitzt eine der wichtigsten Kunstsammlungen des Landes mit rund 2.000 Werken, unter anderem von Anders Zorn, John Bauer und Edvard Munch. der nördlichsten Stadt Schwedens. Sie liegt bereits in der Arktis.

Der Laden sieht von außen zwar klein aus, innen eröffnet sich aber eine ganz eigene, lichtdurchflutete Welt: Hier hängt ein Brautkleid mit einer Kapuze aus Blaufuchs neben Pelzmänteln aus grönländischen Robbenfellen, dort gibt es Mützen aus Ziegenleder, weiter hinten eine Pelerine, also eine Art Umhang aus feiner Wolle.

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Karin Vasara mit dem Design samisch inspirierter Kleidungsstücke. Das Handwerk lernte sie von ihrer Mutter. Mehr als 30 Jahre arbeitet die Unternehmerin bereits an ihrem besonderen Mode-Kosmos mitten in der Stadt. Lange wird es den Laden nicht mehr geben: Die gesamte Innenstadt von Kiruna wird in einem Mega-Umzug versetzt. Der Grund dafür ist eine Eisenerzmine. Sie verdrängt das Stadtzentrum der 18.000-Einwohner-Stadt. Ältere Gebäude werden einfach mitgenommen – die ersten historischen Häuser stehen bereits in Neu-Kiruna. Im September 2022 kommen eine Reihe Boutiquen und Geschäftshäuser dazu. Die Kirche von Kiruna wird voraussichtlich zwischen 2025 und 2026 verlegt. 2035 soll alles fertig sein.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Ekaterina Venkina 

Ekaterina Venkina kommt aus Moskau und ist Journalistin mit den Schwerpunkten Außenpolitik und Internationale Beziehungen. Seit 2014 arbeitet sie in Bonn für die Deutsche Welle, nebenbei schreibt Ekaterina auch für die Süddeutsche Zeitung und die taz.

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