PD Daily 

»Mein geliebtes Land, ich habe dich gehasst!«

Eine junge Frau schreibt einen intimen Liebesbrief an ihre Heimat. Sie legt offen, warum sie auch im Jahr 2020 einem der weltweit größten Proteste angehören wird.

3. Januar 2020  4 Minuten

Wie ist es, in einem Land aufzuwachsen, in dem junge Menschen keine Perspektiven haben? Und wie ist es, nach Jahren des Erduldens zusammen mit über einer Million Menschen eine Revolution loszutreten? Michelle Stephan Farjallah lebt In welchem regionalpolitischen Spannungsfeld der Libanon liegt, erfährst du in diesem Artikel von Juliane Metzker im Libanon, aus dem ihr Vater stammt, seitdem sie 8 Jahre alt ist. Seit Ende Oktober 2019 steht das Land still, während Was die Proteste ausgelöst hat, erklärt dir Juliane Metzker hier sich Antikorruptionsproteste durch die Straßen bewegen. Dadurch hat sich Farjallahs Leben und das aller anderen Menschen um sie herum auf einen Schlag verändert. In diesem persönlichen Brief an ihr Heimatland gibt sie uns eine Möglichkeit, die Gründe für ihren Protest besser zu verstehen.

Mein geliebtes Land,

ich muss dir zuerst etwas gestehen: Ich habe dich gehasst. Ich gab dir die Schuld für all meine Fehler, verfluchte und verachtete dich. Ich schämte mich so sehr für dich, dass ich von dem Tag träumte, an dem ich dich endlich verlassen und nie mehr zurückkehren würde. Ich verabscheute dich, ohne wirklich zu verstehen, warum. Da war immer nur dieses Gefühl, als ob du mir die Seele aussaugtest.

Es fällt mir schwer, alles zu verstehen, was seit Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 1975 Der libanesische Bürgerkrieg brach 1975 aus und endete 1990 mit dem Taif-Abkommen, in dem die Entwaffnung der Kriegsparteien und eine Reformierung des politischen Systems beschlossen wurde. Der Krieg verstärkte eine konfessionelle Spaltung in dem kleinen Mittelmeerstaat, die bis heute anhält. Der Grundkonflikt brach zwischen arabischen Nationalisten und pro-westlichen Kräften aus. Im ersten Gefecht standen sich maronitisch-christliche Milizen der politischen Partei Kata’ib und muslimisch-palästinensische Kämpfer der PLO (Palästinensische Befreiungsfront) gegenüber. Schnell mischten sich andere Staaten in den Bürgerkrieg ein. Am 6. Juni 1982 drang die israelische Armee in den Libanon ein. Dort stand sie syrischen Truppen und Kämpfern der PLO gegenüber. Schnell konnten israelische Truppen bis vor Beirut vordringen. Am 12. Juni wurde ein zunächst brüchiger Waffenstillstand mit der unterlegenen syrischen Armee und der PLO ausgehandelt. Erst im Jahr 2000 zog Israel seine Truppen aus dem Süden des Libanon ab. Durch die sogenannte Zedernrevolution 2005 zogen sich auch die syrischen Truppen aus dem Libanon zurück.

Titelbild: Michelle Stephan Farjallah - copyright

von Michelle Stephan Farjallah 

Michelle Stephan Farjallah ist eine chilenisch-libanesische Fotografin und Gelegenheitsschriftstellerin. Sie lebt derzeit in Beirut.

Themen:  Politik   Arabische Welt   Aktivismus  

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